CIVIC CITY
DIE ROLLE DES DESIGN IN DER SOZIALEN STADT

FORSCHUNGSPROGRAMM


Mit welchen Mitteln des Designs könnten wir solche Städte mitentwickeln?
Wer ist wie und wann an der Gestaltung dieser künftigen Städte beteiligt?

Design spielt für die Gestaltung städtischen Raums eine zunehmend wichtige Rolle. Eine Stadt besteht längst nicht mehr nur aus Bauwerken, Strassen, Plätzen und Grünflächen. Texte und Bilder im Stadtraum, Imagekampagnen, Street Art, Leitsysteme, temporäre Inszenierungen, Prozess- und Dialogdesign, kartografische Darstellungen wirken ebenso wie Schilder, Stadtmöblierungen, Fahrzeuge, Infrastrukturen oder Fassadengestaltungen auf das Nutzen, Erleben und Wahrnehmen der Stadt. Das Civic City Forschungsprojekt „Design for the Post-Neoliberal City“ widmet sich diesen Gestaltungspraktiken vor dem Hintergrund der sich ausweitenden Krise des Neoliberalismus. Es sucht nach Möglichkeiten des Designs einer sozialen Stadt.

Die Städte und insbesondere das Design der Stadt bauten weltweit auf den Paradigmen der marktförmigen Entwicklung auf und wurden als strategische Räume neoliberaler Restrukturierungen angesehen. Während sie nun von der Krise dieser Ideologie erfasst werden, eröffnet sich gleichzeitig die Chance und Notwendigkeit, eine andere und sozialere Stadt zu denken. Design könnte hierbei eine neue Bedeutung als emanzipatives Werkzeug der Stadtgestaltung erhalten.

Die gegenwärtige Wirtschafts- und Systemkrise und ihre Auswirkungen auf die städtische Wirklichkeit führen weltweit zu breiter Kritik an der Dominanz neoliberaler Politiken. Die negativen Auswirkungen des übermächtigen Primats ökonomischer Logiken in Politik und Alltag und die damit verbundene Depolitisierung städtischer Praxen treten offen zutage. Doch die Gestalter halten sich weiter mit Kritik und Vorschlägen zurück. Es ist jedoch an der Zeit, die Rolle des Designs für eine soziale Stadt neu zu bestimmen und aktiv zu werden.

„Design for the Post-Neoliberal City“ will Stadt als gesellschaftlich gestalteten und produzierten Raum erkunden. Gesucht werden Möglichkeiten städtischen Designs jenseits der Praxis und Ideologie des krisengeschüttelten spätkapitalistischen Urbanismus. Für eine Erforschung der Rolle des Designs in diesem Gefüge müssen Untersuchungen und Debatten über die Konzeption und Wirklichkeit der neoliberalen Stadt mit zeitgenössischen Praxen und Konzepten des Designs für die Stadt verknüpft werden.

DESIGN FOR THE POST-NEOLIBERAL CITY
„Design for the Post-Neoliberal City“ sucht nach einer neuen idealistischen Praxis des Designs, die weder Programme eines „Großen Plans“ ins praktische soziale Leben herunterdekliniert noch ausschließlich den monetär getriebenen individuellen Dynamiken der Selbstorganisation huldigt. Der Krise der zeitgenössischen Stadt ist mit den klassischen Instrumenten der großmaßstäblichen Planung von oben nicht mehr beizukommen. Zu komplex und heterogen, zu dynamisch und widersprüchlich sind die sozial-räumlichen Praktiken. Aber auch die Nicht-Planung, die darwinistisch die Betroffenen in ihrer Selbstverantwortlichkeit belässt oder das Agieren machtvoller städtischer Akteure affirmiert, gibt das Projekt der Gestaltung zu leichtfertig auf. Es bedarf eines neuen Designs der Stadt, denn die Stadt ist ganz prinzipiell gestaltet. Sie ist gesellschaftlich produziert.

Gerade in der sich in Bezug auf Fragen des Städtischen vorsichtig entwickelnden Disziplin des Designs liegen unerforschte Potentiale eine intentionale Gestaltung von Raum zu entwickeln. Das emanzipative Versprechen der Gestaltung könnte vor dem Hintergrund des Dramas der Stadt eine konkrete Erneuerung erfahren. Denn wie Bruno Latour es fasst, ist das „kleine Wort Design“ gerade mit seiner Vagheit in der Lage, der Wirklichkeit eine ethische Dimension hinzufügen. Es könne sich nicht hinter vermeintlichen Tatsachen verstecken sondern treffe (politische) Wertungen, die immer auch verhandelbar blieben und Widersprüche thematisieren. Vor dem Bezugspunkt der Stadt als Prozess und Alltag – als konkrete Dimension der Wirklichkeit – soll sich Design neu reflektieren: Was wäre ein Design, das offen, prozesshaft, alltagsbezogen, mikro-politische, interventionistisch, gebrauchsorientiert, kommunikativ oder partizipativ angelegt ist?

Will Design seine Funktion als willfähriges Werkzeug privatwirtschaftlich getriebener Urbanisierung überwinden, stellt sich zunächst die Frage nach den Intentionen von Design und den Möglichkeiten kritischen Handelns über das Ökonomische hinaus. “Design for the Post-Neoliberal City” bezieht sich kritisch auf das aktuelle Aufkommen ethisch motivierter Designansätze, die mit den Schlagworten Nachhaltigkeit, Sozialverträglichkeit und Produzenten-Konsumentengerechtigkeit operieren. Diese Konzepte verweisen zwar auf eine neuere Tendenz der ethisch motivierten Redefinition der Paradigmen des Designs, sie greifen aber in der Regel zu kurz. Da sie primät über eine Marktanpassung argumentieren und konsumorientiert und individualistisch ausgerichtet sind, fehlt ein städtischer und sozialer Ansatz und damit eine weitergehende design-politische Dimension. Um mit diesem Dilemma produktiv umgehen zu können, muss auch das Selbstverständnis der Design Profession hinterfragt werden. Wie verstehen sich die Akteure und wer sind ihre Auftraggeber, welche Allianzen sind anzustreben und welche Rollte spielt die betroffene Bevölkerung? Welche Strategien, Verfahren und Perspektiven eines Designs für die Stadt benötigen wir?

“Design for the Post-Neoliberal City” will diese Forschungslücke bearbeiten. Begleitet von Symposien, Workshops, Publikationen und Ausstellungen werden sich internationale junge ForscherInnen kritisch mit der Rolle des Designs in der Stadt auseinandersetzen. Vertiefungen thematischer Einzelaspekte einer als Netzwerk organisierten Forschung sollen sich im Austausch dem Gesamtthema annähern und mit dem begleitend stattfindenden Postgraduierten Kurs und kooperativ angelegten Forschungen anderer Institutionen in Austausch stehen. So wird Wissen über die Stadt mit der Frage nach ihrer Gestaltbarkeit verknüpft. In der im Forschungsprojekt angestrebten Verbindung der Designpraxis mit der Stadtforschung werden so dringliche und wertvolle Informationen für die Gestaltungspraxis aufgearbeitet werden.

Ein weiteres Anliegen von „Design for the Post-Neoliberal City“ ist, zur Vernetzung der Forschungs-Community mit der Design- und Stadtentwicklungspraxis beizutragen und verstreut vorliegende Ansätze zu fördern und zu verknüpfen. Das mehrjährig angelegte Projekt fokussiert zunächst auf das Feld der Visuellen Kommunikation.

THE VISUAL COMMUNICATION OF NEW SOCIAL SPACES
Die Repräsentation des Städtischen jenseits des gebauten Raumes, in U-Bahn-Plänen, Leitsystemen, Stadtimagekampagnen oder grafischer Fassadengestaltung intensiviert sich zunehmend. Im Sinne einer universellen Gestaltung hat sich in diesem Feld der Begriff „Environmental Graphic Design“ etabliert, der die Überlagerung der Disziplinen Architektur, Grafik Design, Produktdesign und Stadtplanung meint. Ursprünglich angelegt, die neue Komplexität urbaner Großstrukturen vermittelbar zu machen, kommt es inzwischen auf fast allen Ebenen der Stadtgestaltung zum Einsatz. Nicht nur die sichtbare Oberfläche der Stadt auch ihre Infrastruktur und ihr alltägliches Erleben wird maßgeblich durch grafische Gestaltung geprägt.

Solche diskursiven und symbolischen Darstellungen verweisen einerseits auf das Bestreben, Städte als „Standorte“ zu kommunizieren, sie zu vermarkten und zu regieren. Andererseits haben sich in der visuellen Kommunikation aber auch neue Werkzeuge der Produktion von Raum etabliert, die im Vergleich Stadtplanung und Architektur viel kleinteiliger, schneller, ephemerer, flexibler oder offener agieren können. In der urbanen Ausweitung der Praxis der visuellen Kommunikation liegt so ein Merkmal der Neoliberalen Stadt, wie auch ein mögliches Werkzeug ihrer Überwindung.

Protagonisten des „Environmental Graphic Design“ sehen als Schauplatz in der Zukunft ihrer Tätigkeit weniger die reale Stadt als die „nonreality of new synthesized space“. Entgegen dieser Annahme fokussiert das Forschungsprojekt „Design for the Post-Neoliberal City” auf die materielle Umwelt unserer Städte, die zunehmend als zentraler Ort gesellschaftlichen Zusammenlebens wieder entdeckt wird: Was ist die Rolle der Visuellen Kommunikation bei der Produktion von Raum? Will oder kann sie lediglich Teil der warenförmigen Kolonisation sozialer Räume sein, oder kann sie ein strategisches Werkzeug sein, das in seinem politischen und sozialen Charakter wesentlich zu einer sozialen Stadt beitragen kann? Liegt gar gerade in der grafischen Gestaltung und der visuellen Repräsentation des Städtischen ein Zugang, auf den ideologischen Trümmern der bestehenden Städte alternative oder utopische Orte zu schaffen?

www.civic-city.zhdk.ch

Forschungsleitung
Dipl. Ing. Jesko Fezer
jesko.fezer@zhdk.ch

Forschungskooperationen
Stadt Zürich Stadtentwicklung
Swiss Graphic Designers
Merzakademie Stuttgart
MIT Visual Arts Programm, Cambridge